Gedankenverloren Nicht nur Mama

Kolumne #8 || Nicht nur Mama…. Ich.

„… Mit Kindern ändert sich einfach alles. Es wird nie mehr sein, wie es mal war.“ Das habe ich immer und immer wieder gehört als ich schwanger war. Und es kam mir so negativ vor. So deprimierend. Ich war schwanger, völlig aufgeputscht durch die ganzen Hormonen in meinem Körper und weniges hat mich so glücklich gemacht, wie meine Hand auf meinen gesund wachsenden Babybauch zu legen und ihn verträumt zu streicheln. Denn ich war aufgeregt. Gespannt wie ein Flitzebogen auf das was kommen mochte. Auf das kleine Wunder – 50% ich, 50% mein Mann. Und ich konnte nicht verstehen, wie man einer voller Vorfreude strotzenden Schwangeren sagen konnte, „du wirst schon sehen, es wird sich alles ändern…“. Es klang fast wie eine Drohung.  Jetzt, nach einem Jahr Mamasein weiß ich, es war zwar keine Drohung… aber es war eine Warnung. Eine von diesen Warnungen, an die sich still und leise ein imaginäres „Ich hab’s dir ja gesagt“ anschließt.

Clara ist jetzt knapp 1 Jahr alt und ich weiß jetzt, wie Kollegen und Bekannte das gemeint haben. Ich bin Mama – und das ist wunderschön und genau richtig so. Es erfüllt mich mit Stolz und einer ganz besonderen Liebe, die ich so vorher nicht kannte. Aber neben Mama muss ich auch noch so vieles mehr sein. Ehefrau, beste Freundin, Tochter, Hausfrau, Schwester, Arbeitskollegin, Schwiegertochter, Handtuchnachbarin beim PEKiP-Kurs, Patentante und vor allem auch noch Ich selbst. Sarah.  Das alles unter einen Hut zu bekommen, ist unfassbar schwer. Eine Mordsaufgabe. Wobei die Betonung eher auf Mord liegt als auf Aufgabe, denn an manchen Tagen, falle ich tot ins Bett und bin nicht mal der Hälfte der aufgelisteten Rollen gerecht geworden. An solchen Tagen würde ich mir am Liebsten die Decke über den Kopf ziehen, mich einrollen wie ein Igel und in einen Winterschlaf verfallen. Am Eingang meiner Höhle hängt ein Schild „Muss alle Bälle in der Luft halten. Bitte nicht stören.“ Oder aber auch „Das ist unmöglich. Bitte gehen Sie.“

Gedankenverloren Sarah Nicht nur MamaWer hat diese Rechnung aufgestellt? Wie soll ich meine verfügbaren 100% auf über 10 Rollen mit entsprechenden Erwartungen verteilen ohne dass jemand zu kurz kommt? Nach Adam Riese ist das unmöglich. Ich kann also keiner meiner Rollen 100% gerecht werden.  So soll das sein?? Irgendwer steht immer hinten an. Irgendwas fehlt immer. Und auch wenn viele dieser Rollen nicht viele Erwartungen erfüllen müssen, weil die liebsten Menschen und engsten Freunde, Verständnis für diese Situation haben, bin es doch ich selbst, die enttäuscht ist über die eigene Unzulänglichkeit. Was ein Stress. Dass ich meinen Ansprüchen nicht gerecht werde. Dass ich es einfach nicht schaffe so für bestimmte Menschen in meinem Leben da zu sein, wie ich es gerne würde. „Mach doch“ – nein, eben nicht.  Tagsüber springt man von einem To-Do zum nächsten und sobald ein Haken gesetzt ist, kommt ein neuer Task dazu. Ich jongliere mit Terminen für Clara, für mich, für die Familienzeit, verschiebe Termine, vergesse auch welche, vereinbare neue. Und am Ende des Tages ist noch so viel Arbeit übrig, dass ich mich gleich teilen könnte und trotzdem nicht fertig werden würde.

Und ich weiß, so geht es vielen Mamas. Auch die liebe @vivienneandsunshine schrieb letztlich von diesem Gefühl. Das ist die Melancholie, die an manchen Tagen mitschwingt, wenn man nach einem mörderisch durchgetakteten Tag auf der Couch sitzt. Zu müde ist, um Fernzusehen; Zu wach ist, um ins Bett zu gehen und dem dumpfen Grundrauschen lauscht und einfach nur atmet. Den Puls auf Normaltakt herunterfahren. Zur Ruhe kommen. Für sich sein. Für mich sein. Solche Momente fehlen. Sehr. Einfach Zeit für mich. Denn die beste Kuh im Stall muss man hegen und pflegen. Besonders wenn es nur eine Kuh gibt. Doch Mama kümmert sich um alles und wer kümmert sich um Mama? Ja, sicher mein liebevoller Mann, meine fürsorgliche Mama, meine verständnisvollen Freunde. Aber was wirklich fehlt, ist Zeit für mich. Keine Zeit, um etwas zu erledigen. Keine Zeit, um diese sinnvoll zu nutzen. Keine Zeit, um endlich in Ruhe etwas zu tun. Nein, einfach nur Zeit, die verstreichen kann. Weil man selbst die Gewissheit hat, dass man einen ganzen Haufen davon hat. Freie Zeit. Um nichts zu tun – wenn mir grad der Sinn danach steht. Spontan sein. Ad-hoc und los. Oder eben nicht. Plötzlich ist Zeit Freiheit. So war das früher. Da hatten wir noch so viel Zeit, dass aus heute eben morgen wurde – und es war egal. Da gab es noch ein Später. Heute wird aus später nie.

Das erste Jahr ist man als Mama so sehr damit beschäftigt alles in Gang zu setzen – wie bei einem Neuwagen, den Motor erst einmal einfahren. Bevor man dann richtig Gas geben kann. Volle Fahrt voraus. Ein Jahr Gnadenfrist. Alle haben Verständnis. Man selbst ist viel zu sehr damit beschäftigt Mama zu sein und zu überlegen, was eine gute Mama jetzt machen würde, überteuerte –Eltern-Kind-Kurse zu besuchen, die scheinbar unablässig für die altersgerechte Entwicklung des Babys sind, Ratgeber zu studieren und sich über Studien zu beratschlagen – das alles einhändig mit einem kleinen Wesen auf dem Arm.

Gedankenverloren Sarah Nicht nur Mama. Auch ich.Ein kleines Wesen, das so viel Liebe und Fürsorge, Zuneigung und Wärme, Nähe und Geborgenheit braucht, dass ich am Liebsten mit ihm verschmelzen würde. Um mein kleines Wunder zu schützen, wie eine unsichtbare Blase. Und dieser Schutz, diese Liebe schenkt mir so viel des Gleichen wieder in Retoure. Aber sie kostet auch Kraft – und Zeit. Clara geht vor – immer. Vor allem. Auch vor mir selbst. Und das von Herzen und ganz bewusst. Wie oft, haben wir die Stunden nach 20 Uhr nur noch flüsternd auf der Couch verbracht. Wie oft habe ich auf die wohltuende Dusche vorm Schlafengehen verzichtet. Wie oft haben mein Mann und ich Tatort ohne Ton gesehen und versucht Lippen zu lesen. Sehr oft. Wir haben leise gegessen, leise Zähne geputzt, dem anderen leise vom eigenen Tag erzählt und leise gelacht. Und wir haben das aus Liebe gemacht und von Herzen. Und wir würden es jederzeit wieder tun.

Ich weiß nicht, ob das richtig ist, aber es ist richtig für mich. Das kleine Wesen, neu auf dieser Welt, das sich selbst nicht zu helfen weiß. Das alleine nicht überleben kann. Das so viel Liebe schenkt mit einem Lächeln, mit einer Berührung, mit einem Blick. Wenn ich sie morgens aus dem Bett hebe und sie sich ganz fest an mich kuschelt und ich ihren Atem in meinem Nacken spüre. Wenn ihr kleiner Körper noch ganz warm und verschlafen ist. Wenn ich abends neben ihrem Bettchen sitze und sie irgendwann beruhigt die Augen schließt und einschläft. Ihre gleichmäßige Atmung. Wie sie auf die Couch klettert und sich an mich kuschelt. Genau das ist es eben wert. Diese Liebe. Die Unbeschreibliche. Die unvergleichbare Liebe zwischen einer Mutter und ihrem Kind.

Das ist der Grund, warum all diese Mamas das schaffen. Warum keine Mama sagt, ich kündige. Warum ein Blick auf das selig schlafende Kind wieder alle Sorgen, Ängste und Verzweiflung entschuldigen und vergessen lassen. Denn das ist es, was zählt. Diese Momente. Diese Momente streicheln mein ‚Ich’.  Diese Momente geben Kraft. Und in diesen Momenten spüre ich ganz genau, dass die Kollegen recht hatten. Mit Clara ist nichts, wie es mal war – und das ist die schönste Veränderung meines Lebens.

PS: Wenn dir #gedankenverloren gefällt, folge uns doch auch bei PinterestInstagram und Facebook.

* So gekennzeichnete Links sind Affiliate-Links. Wenn Du darüber bestellst oder buchst, kostet es für dich keinen Cent mehr. Wir bekommen aber eine kleine Provision und du kannst uns so unterstützen, ohne dass es dich etwas kostet.

0 Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte dir auch gefallen

Titelbild gedankenverloren Kolumne 22 Supermama

Kolumne #22 || Supermama – Eine für alle.

Warum machen wir uns eigentlich so verrückt? Oder machen wir das überhaupt? Oder sind es die anderen? Haben wir oder die anderen zu hohe Ansprüche an uns selbst? Oder stellen wir uns einfach alle an? Kind, Job, Haushalt, Partnerschaft. Das alles schient an manchen Tagen unmöglich zu schaffen, doch wir geben nicht auf und versuchen unser bestes… Immer und immer wieder. Immer mehr und immer schneller. Super-Mama im Hamsterrad…

Kolumne 21 Gedankenverloren Freitag

Kolumne #21 || FREItag. Meine neue Freiheit.

Ich stehe in der Küche und drehe das Radio auf volle Lautstärke, im Radio läuft The Chainsmokers feat. Coldplay mit ‚Something just like this‘ und ich raste völlig aus. Hüpfe durch die Küche gehüpft und wackle mit dem Kopf gewackelt während ich genüsslich in mein Schokocroissant beiße. Feierlich, im Stehen, ohne Teller und die vielen kleinen Blätterteigkrümel krümeln einfach so auf die Küchenfliesen. Wenig vorbildlich – aber egal. Es ist ja niemand da. Niemand der wegen der Krümel auf dem Boden die Stirn runzelt. Niemand der sich das Krümelchaos ansehen und abspeichern und nachmachen kann… Nur ich. Ich und mein Croissant und die Musik in meinem Kopf und – danke!! – die Sonnenstrahlen, die durchs Küchenfenster fallen. Hello, happy day! Meine neue Freiheit. Freitags, 6 Stunden, nur ich und ich. Was dabei rauskommt, wenn Mama allein zu Haus‘ ist…

Gedankenverloren Kolumne 20 Titelbild

Kolumne #20 || Danke, Mama. Danke, mein Mädchen.

Ich denke, es ist einmal an der Zeit einfach Danke zu sagen. DANKE, Mama – Oma und Opa. Danke, mein kleines Mädchen auch dir. Kennt ihr den Brief aus der Huffington Post einer Mutter an ihre Tochter? Da bin ich letztens zufällig drüber gestolpert und habe wie auf Kommando nach den ersten vier Sätzen Rotz und Wasser geheult. Wie viel Wahrheit in diesen Zeilen steckt, ist Wahnsinn und sie brachten mich zum Nachdenken. Immer und immer wieder muss ich an diese Zeilen denken. Denn in Ihnen verbirgt sich so viel Wahrheit und eine zweite Ebene unter der unbeschreiblichen Liebe zur eigenen Tochter. Es ist Liebe und tiefe Dankbarkeit an die eigene Mutter und die Angst vorm Älterwerden mit einer Tochter, die immer eigenständiger wird. Und plötzlich sitze ich da mit dicken Krokodilstränen, die über mein Gesicht rollen ohne zu wissen, was ich fühle. Ich kann nicht in Worte fassen, welches Gefühl es ist, das mich zum Weinen bringt. Und wie sehr meine Tochter meine Welt erschüttert, jeden Tag…

Über uns

Beliebteste Beiträge

Folge uns auf Facebook

Folge uns auf Instagram

Quote of the week

"Ein Kind ist eine kleine Hand, die zurückführt in eine Welt, die man vergessen hat."

Unbekannt

Beitrag oder Thema suchen

Archiv

Archive

Beliebte Kategorien