Gedankenverloren - Kolumne 4 - Du erinnerst mich an das Kind in mir

Kolumne #4 || Du erinnerst mich an das Kind in mir

Es klingelt an der Tür und ich sehe zum ersten Mal nach vielen vielen Jahren den rosa verzierten Geburtstagskuchen, den ich von meiner Mutter das letzte Mal zu meinem 12. Geburtstag bekommen habe. Es ist Samstag, 14 Uhr, und meine Mutter und ihr Mann sind die ersten Geburtstagsgäste. Claras erste Geburtstagsgäste. Es ist ihr erster Geburtstag und wir als Eltern sind vermutlich aufgeregter und erwartungsvoller als Clara selbst.

Dieser erste Geburtstag bedeutet so viel. So viele Geschichten, Höhen und Tiefen, Sorgen und Ängste, Freude und Glück liegen hinter uns. Es war das aufregendste, unvorhersehbarste und glücklichste Jahr in uns aller Leben. Wir, weil wir Eltern dieses kleinen Menschen sind und das vergangene Jahr einfach zu der aufregendsten Zeit unseres Lebens gehört. Naja, und Clara, – Clara hat ja nur dieses eine Jahr auf dieser Welt verbracht und keine Vergleichsmöglichkeit …

So nehme ich also den Geburtstagskuchen meiner Mutter, Claras Oma, entgegen. Den Geburtstagskuchen der auch schon zu meiner Kindheit gehörte. Und ich werde ganz sentimental. Einfach so wird dieser Tag auch zu einem Tag, der in meine Kindheit zurück blickt. Ein Tag voller Momente und Rituale, auf die ich mich in den ersten Jahren meines jungen Lebens immer verlassen konnte und auf die ich mich gefreut habe – 364 Tage lang.

Und da mir die Rituale meiner Eltern an meinem Geburtstag in so guter und schöner Erinnerung geblieben sind, will ich auch Clara diese Rituale schenken. Etwas Eigenes. Etwas Beständiges. Auf das sie sich verlassen und freuen kann – jedes Jahr wieder.

Bis es eben ‚uncool‘ wird. Bis mein Geburtstagskuchen mir auch mit 13 Jahren zu ‚uncool‘ wurde. Zu meinem 18. Geburtstag, da hatte ich ihn mir nochmal gewünscht, aber meine Mutter dachte eher, es war ein Scherz und ich feierte meine Volljährigkeit ohne Schokoladenboden und rosa Sahnehäubchen. Aber jetzt zu Claras Geburtstag, da war er wieder da. Und er machte mich glücklich – wie früher.

Gedankenverloren - Kolumne - Du erinnerst mich an das Kind Ich denke, jede Mutter will ihrem Kind die schönste Kindheit mit den schönsten Kindheitserinnerungen schenken. So auch ich. Also habe ich mir schon Wochen zuvor überlegt, welche Rituale ich Clara gerne mit auf ihren Lebensweg geben würde. Was wir an diesem ersten Geburtstag etabliert haben bis zu dem Tag an dem sie das alles viel zu ‚uncool‘ findet sind folgende:

• Der besagte Geburtstagskuchen aus zwei Schokoladen Böden und einer rosafarbenen Sahnecreme mit der Lebenszahl obenauf ebenfalls aus rosa Creme.

• Ein selbstgebasteltes rosa Krönchen aus Moosgummi mit ihrem Namen.

• Ein silberner XXL-Luftballon, der am Geburtstagsstuhl angebunden ist, mit ihrer Lebenszahl.

• Ein Geburtstagsring aus Holz, an dem jedes Jahr ihre Lebenskerzen und ihre Geburtstagskerzen angezündet werden. Unser Modell hat genug Ringe für 10 Kerzen, also 10 Jahre. Mal sehen wie lange Clara es cool genug findet und ob wir den letzten Ring vollständig anzünden werden…

• Ein Luftballonschleier in der Wohnzimmertür. Ganz einfach zu basteln und bringt so viel Freude.

Und natürlich viele viele Geburtstagslieder – auch auf indonesisch … Wegen der indonesischen Wurzeln, die zumindest noch zu einem Viertel bei Clara angekommen sind. Und außerdem hören sie sich lustig an.

Claras erster Geburtstag war voller erster Male. Das erste Mal Geschenke auspacken. Das erste Mal Kerzen auspusten. Das erste Mal Geburtstagskuchen essen. Und das erste Mal, dass ich durch sie an meine eigene Kindheit erinnert wurde. Wie ich in der Geburtstagsnacht vor Aufregung jedes Jahr nicht schlafen konnte. Wie ich morgens dann durch Vogelgezwitschert und die Sonnenstrahlen (Ich habe Ende Mai Geburtstag) geweckt wurde. Wie ich auf dem Weg ins Bad schon über mein erstes kleines Geschenk stolperte. Wie ich stolz von Mama und mir am Tag zuvor selbst gebackenes mit in die Schule nehmen durfte. Wie ich mich fühlte, wenn ich ganz aufgeregt die Geburtstagstafel gedeckt habe – nach Sommer und nach etwas ganz Tollem … Wie die warme Sommerluft durch die Balkontür wehte. Wie mein kleines Herz hüpfte, wenn es klingelte. Wie mir die angenehm kühle Luft entgegen stieß, wenn ich die Haustür für die Geburtstagsgäste öffnete. Die bunten Pappbecher und –teller. Die vielen Luftschlangen. Die Süßigkeiten in den Schälchen und kleinen Häppchen auf den Tabletts, die wir mit den Fingern essen durften. Dass es ausnahmsweise Sprite und Fanta gab. Meine Pappkrone. Papa, der jedes Jahr verkündete, er hätte die Geschenke vergessen und dann doch grinsend mit einem Wäschekorb voller kleiner Päckchen durch die Tür kam.

An all das erinnerte ich mich wieder als ich den Abend zuvor Claras rosa Krone aus Moosgummi bastelte und zusammen mit meinem Mann die Luftballon aufblies.

Ist es nicht schön, dass es in einer so schnelllebigen Zeit wie heute etwas gibt – dein Kind -, das dich in eine Zeit zurückversetzt, in der wir selbst noch Kinder waren. Als Luftschlangen und Luftballons uns glücklich gemacht haben. Und das, einfach so, ganz ohne ein Erinnerungsbuch mit mühsam zurückgeholten Kindheitserinnerungen, die wir einmal aufgeschrieben haben… einfach nur durch einen rosaroten Geburtstagskuchen mit Sahnecreme.

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