Gedankenverloren Die Sache mit dem Reisen

Kolumne #3 || Die Sache mit dem Reisen ODER: was sich mit Baby alles verändert

Wie das Reisen früher war

Es riecht fremd. Es fühlt sich fremd an. Und du bist hier auch fremd – aber genau das zaubert dir an diesem Morgen ein Lächeln ins Gesicht. Denn du wachst in deinem Hotelzimmer oder Ferienapartment auf und bist voller Tatendrang. Du hast Urlaub. Du bist auf Reisen. Du suchst die Abenteuergeschichten – und du wirst sie finden. So fühlte sich der erste Morgen nach einer kräftezehrenden Anreise mit dem Nachtbus oder dem letzten Flieger in deiner neuen Unterkunft an. Sobald die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster fallen, bin ich wach. Ich wecke dich indem ich mich auf dich schmeiße, dir meine Haarspitzen ins Gesicht fallen lassen bis sie deine Nase kitzeln und rufe „Auf geht’s. Tag 1. Es gibt so viel zu entdecken!“. Mit einer selten verspürten Energie springe ich aus den fremden Federn und du gleich hinterher. Der erste Gang zum Fenster. Wir schieben den Vorhang zur Seite und stoßen die Fenster auf. „Hallo, Welt! Guten Morgen! Wir kommen gleich runter!“ Der erste Blick in den strahlendblauen Himmel ist wie Balsam für die Seele. Ein Lächel-Versprechen. In Windeseile machen wir uns fertig und springen wenig später frisch geduscht und voller Entdeckerlust auf die Straße. Da sind wir – in Florenz, Zürich, Lissabon, Lagos. Egal. Ein klassischer Morgen auf Reisen – bevor wir Eltern wurden.

Oder wir sind in aller herrgottsfrühe aufgestanden, haben uns unsere Caps aufgesetzt und die Schuhe geschnürt und sind raus in die noch angenehme Morgenluft gestolpert um unsere Runde zu laufen. Ein 10k-Lauf am Morgen gibt so viel Energie, ist sanftes Erwachen für den Geist und erstes Auspowern für den Körper. Laufend fremde Städte erkunden ist wirklich toll – wir waren frei in unserer Route und in unserem Tempo. Es gibt so viel entdecken, gerade abseits der Flaniermeilen und Sehenswürdigkeiten gibt es so viel mehr Leben und Alltag zu entdecken. Und die Dusche nach dem Laufen ist erfrischender, der Kaffee aromatischer und das Croissant schokoladiger als ohne die 10k – als wir noch zu zweit waren.

Wie das Reisen jetzt ist

Dies ist keine Trauerrede. Das ist die Realität. Vieles geht einfach mit Baby nicht mehr – oder zumindest vorerst nicht mehr. Ich sag‘ ja nicht, dass sich das nicht wieder ändert … Insbesondere auf Reisen ist der Tagesablauf plötzlich ein ganz anderer und maßgeblich bestimmt von den Wach- und Schlafphasen sowie Mahlzeiten des Kindes.

Über unsere 2-monatige Asienreise haben wir uns wenig Gedanken gemacht. Wir haben einfach irgendwann die Entscheidung getroffen. Und wir haben diese Entscheidung keinen Moment bereut. Es war großartig. Eine richtige Abenteuerreise. Und wir hatten Glück – mit unserer pflegeleichten Tochter in der Manduca ging es den Großteil der Reise problemlos. Wir haben den liegenden Buddha in Bangkok bestaunt. Wir sind mit dem Moped durch Mandalay gefahren. Wir haben den Sonnenaufgang in Bagan gesehen. Wir haben die Shwedagon Pagode in Yangon bestiegen. Wir sind über Nachtmärkte in Chiang Mai geschlendert. Wir haben dem Nieselregen in Hue getrotzt. Wir waren shoppen in Hoi An. Wir haben die Tempelanlage von Angkor Wat mit dem Roller erkundet. Bevor wir dann knapp zwei Wochen auf Koh Phangan einfach in den Tag hinein gelebt haben.

Gedankenverloren - Reisen Und ja, es war toll! Es war mehr als toll. Aber es war auch sehr sehr anders. Mit Baby hatten wir einen ganz anderen Rhythmus, der dem Kind angepasst ist und den wir nicht immer bestimmen konnten. Natürlich führte das auch das ein oder andere Mal zu Frustration und Enttäuschung. Und manchmal hat es uns auch richtig wütend gemacht – wohlwissend, dass unsere kleine Tochter nichts dafür konnte. Doch nach einigen Runden hatte sich der Lerneffekt eingestellt und wir haben uns mit den neuen Gegebenheiten arrangiert. Und wenn man sich auf ein paar Situationen einstellt bzw. damit rechnet, dass es immer auch anders kommen kann, dann ist das Reisen wieder aufregend – anders aufregend. Hier unsere ultimativen Reiseerkenntnisse mit Baby:

Alles dauert ewig

Mal eben zum Frühstück gehen. Kurz mal an den Strand. Eine Kleinigkeit auf die Hand essen. Iss‘ nicht. Alles dauert eine halbe Ewigkeit. Erst muss das Kind nochmal gewickelt werden, dann mit Sonnenmilch eingecremt (diese muss wiederum einwirken), dann anziehen – das Kind und sich selbst, die Wickeltasche, Spieldecke und den Reisehochstuhl einpacken und wenn man dann endlich startklar ist, sind knapp 30 Minuten vergangen.

Spontan sein

Was ist das noch mal? Spontanität ist so eine Sache, die um das Kind herum gestrickt wird. Aber für einen selbst oder für die Partnerschaft oftmals nicht möglich ist. Spontan noch ein Bierchen trinken – geht nicht, weil das Kind sich in die Hose gemacht hat. Spontan im Wasserfall schwimmen – geht nicht, weil das Kind keine Schwimmhose an hat. Spontan eine Bootstour machen – geht nicht, weil wir nicht genügend Windeln und Snacks dabei haben.

Wirf‘ die Routinen über Bord. Jeder Tag ist anders.

Routinen die man als Paar hatte, kann man begraben. Morgens eine Runde Sport machen? Ein paar Mal hat das funktioniert, aber die zahlreichen anderen Male waren wir beide entweder zu schlapp (fast erschlagen) oder Clara vor uns wach, sodass sich das auch erledigt hatte. Gerne hätten wir viel mehr sportliche Angebote ausprobiert – Schnorcheltripps mit dem Boot, Kayaking durch Höhlen und Buchten, Trekking Touren entlang der Küstenpfade, Mountainbiking, Stand-Up-Paddeling und Kitesurfing. Aber wenn immer nur einer jeweils ran darf, weil der andere beim Kind bleiben muss, ist das auch kein Zustand den man sich für den ersten gemeinsamen Familienurlaub vorstellt.

Etwas in Ruhe machen

Ruhe hat viel zu tun mit Genuss, Besinnung und Entspannung. Drei erstrebenswerte Zustände, die auf Reisen mit Baby gar nicht so leicht zu erreichen sind. Etwas in Ruhe machen ist sehr schwer. Vom Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang über die außergewöhnlichen und schmackhaften Spezialitäten der Landesküche bis hin zum ausgiebigen Sonnenbad und Strandschläfchen. Diese Ruhephasen werden meist gestört von Hunger, Kacka, Müde. Wenn du Pech hast auch alles auf einmal.

Das Abenteuer suchen

Asien hat so einiges zu bieten. Allein Bangkok lockt mit Roof Top Bars, Fusion Cuisine, Nachtmärkten, Thai Massagen oder Ping Pong Shows. Das alles ist sicher einen Besuch wert. Gerne auch in der Reihenfolge.

Allgemein können wir wenig bis gar nichts über das Nachtleben der von uns bereisten asiatischen Städte sagen. Denn wenn in Asien mit dem Sonnenuntergang das Leben so richtig beginnt, schlief unsere Tochter meist quer auf unserem Hotelbett und wir haben uns fragend angesehen. Das bunte, laute und verrückte Treiben und Leben auf den Straßen und in den Gassen haben wir verpasst und können nur ahnen wie es dort zugegangen ist.

Warum es trotzdem nichts Besseres als das Reisen gibt

Also, ja, es hat sich verdammt viel verändert. Und wir können noch so entspannte Eltern sein, einfach alles ausprobieren und uns keinen Kopf machen. Aber die Veränderung bestimmt unseren Reisealltag – ob wir wollen oder nicht.Gedankenverloren - Die Sache mit dem Reisen

Aber, nichtsdestotrotz, war diese Asienreise das Beste was wir bisher als kleine Familie erleben durften. Es war wunderschön und wir haben unsere Entscheidung, die Koffer zu packen, nicht einen einzigen Tag bereut. Es schweißt zusammen. Wir haben uns besser kennengelernt – jeder jeden. Wir haben gesehen, was jeder einzelne von uns leisten und aushalten kann. Wir haben uns unterstützt und dem anderen unter die Arme gegriffen, wenn ihm die Kraft oder die Nerven ausgingen. Wir haben schlaftrunken und angeheitert nach einem Glas Wein über die dusseligsten Witze gekichert. Wir haben Tränen gelacht. Und wir haben Tränen geweint. Wir haben gelebt, gelitten und, ja, auch gestritten. Aber am Ende des Tages haben wir etwas erlebt und konnten diese neuen Erlebnisse miteinander teilen. Wie wächst Liebe mehr als durch gemeinsame Erlebnisse. Wie lernt man einen Menschen besser kennen als auf Reisen. Wie findet man sich selbst, wenn nicht auf fremden Wegen.

Ja, vieles konnten wir mit oder wegen Clara nicht machen, aber es gab so viele Augenblicke und Aha-Momente, die uns so viel mehr dafür entschädigt haben. Die gemeinsame Zeit ist eine ganz besondere und werden wir so schnell nicht wieder haben. Zusammen in den Tag starten und diesen gemeinsam beenden. Mit großen Augen die neue Welt entdecken. Unbekannte Geschmäcker und Gerüche. Beeindruckende Bauten und Heiligtümer. Herzliche Menschen. Wunderschöne Natur, Strände und Buchten. Das grün ist grüner. Das blau ist blauer. Das Meer glitzert so viel mehr – wenn man all diese Bilder mit den Menschen teilen kann, die man mehr als alles auf der Welt liebt. So viele Bilder und Geschichten nehmen wir mit zurück nach Hause in den Alltag. Und wir zehren davon.

Das Reisen ist anders geworden. Und klar, auch anstrengender, aber es hat uns als junge Familie zusammengeschweißt, hat uns bereichert und einfach gut getan. Wir werden das Reisen nicht aufgeben.

Denn: JETZT IST DIE ZEIT, DIE WIR UNS IN 10 JAHREN ZURÜCKWÜNSCHEN

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