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Kolumne #23 || Unter Doppelbelastung im Dauereinsatz.

An manchen Tagen fühlt man sich als Mama wie im Hamsterrad. Je mehr Gas man gibt, desto mehr Aufgaben prasseln auf einen hinab. Die Aufgaben sind so viele geworden, dass man jetzt schon To-Do-Listenaufteilt in wichtig, dringlich und den ganzen Rest. Sport treiben, sich gesund ernähren, immer frisch für die Familie kochen und immer etwas anderes, den Partner wertschätzen, ihm das auch zeigen und sich Auszeiten nehmen. Die Romantik und das Feuer nicht erlöschen lassen. Einkaufen, Wäsche waschen, bügeln, staubsaugen, wischen, putzen. Den Müll runter bringen. Die Balkonmöbel abdecken. Den Balkon überhaupt mal aufräumen und die Balkonpflanzen zurückschneiden. Das Kind beschäftigen, unterhalten, fordern und fördern. Neue Herbstschuhe bestellen. Die neue Strickjacke flicken. Einen Schal selbst stricken, weil’s so einfach aussieht und doch schaffbar sein muss. Bei der Arbeit 100% geben und noch mehr. Sich weiterbilden. Freundschaften pflegen und den Kontakt aufrechterhalten – Sie alle mal wieder einladen, wie früher. Auch die Großeltern mal wieder besuchen. Und die Geschwister. Und die Cousinen. Mal wieder die Fenster putzen, zumindest einmal im Jahr.

Und neben diesen alltäglichen Aufgaben, die mehr oder minder wichtig sind, die aber zu einem guten Mamasein dazugehören, gibt es ja auch noch die Aufgaben, die ad-hoc dazu kommen. Die dritte Einladung meiner alten Schulfreundin jetzt endlich mal zusagen und alles daran setzen, dass ein Treffen stattfindet. Und dazu backt man selbstverständlich einen Kuchen. Selbst. Kuchen kaufen – da könnte man ja genauso im Türrahmen zusammenbrechen und wimmern ‚Ich schaff das alles nicht mehr.‘ Die Oma hat spontan zum Geburtstag eingeladen. ‚Natürlich kommen wir‘. Dann muss ich eben noch früher aufstehen, um an dem Tag alle Alltagsaufgaben zu schaffen. Um dann schlaftrunken nachmittags am Kuchentisch zu sitzen und auf dem Stuhl einzuschlafen. Kind, Job, Haushalt, Partnerschaft – alles auf einmal und alles alleine meistern. Dabei gepflegt, sportlich aktiv, gesund ernährt und stets gut gelaunt…

Aber müssen wir das wirklich? Wer bestimmt, was Mütter müssen und was nicht? Das einzige, was wir müssen ist für unsere Kinder da sein. Denn die Kinder haben nicht entschieden, dass sie auf dieser Welt sein möchten. Wir haben entschieden Kinder zu bekommen, weil wir sie lieben, weil es uns erfüllt, weil es unser Sinn des Lebens ist. Alles andere ist zweitrangig. Aber warum betrachten wir es dann nicht auch so? Weniger ist mehr. Denn eine Mutter mit Burn-Out vom Muttersein bringt niemandem was. Abgesehen davon, dass es das nicht gibt. Zumindest nicht im Preiskatalog meiner Krankenkasse.gedankenverloren 23 im Artikel

Das sagen die anderen: Was ist denn das Problem? Wie kann man das denn nicht schaffen? Was hast du denn den ganzen Tag gemacht? Aber sagen sie das wirklich? Oder denken wir nur, dass sie das denken könnten… Gegen wen versuchen wir uns zu rechtfertigen: Es tut mir leid. Manchmal weiß ich ehrlich gesagt auch nicht, was ich den ganzen Tag gemacht habe. Die Diskussion darüber bin ich leid (Ist es ok, wenn Frauen sich beschweren über den Mamalltag…?)

Morgens noch im Bett, als alles still war und ruhig und der Tag noch ein unbeschriebenes Blatt, da bin ich im Kopf meine To-Do-Liste durchgegangen und dachte noch: „Das ist doch machbar! Das musst du doch schaffen!“ Und wenn ich 17 Stunden später wieder hier liege, an gleicher Stelle, in der gleichen Stille (wenn ich Glück habe…) dann habe ich an manchen Tagen nicht einen einzigen Punkt der Liste abgehakt – dafür aber drei neue dazu geschrieben. Was ist in den letzten 17 Stunden passiert…?

Wann hat das Leben so Fahrt aufgenommen? Wer treibt uns Mütter alle an? Muss die Zeit immer gegen uns arbeiten? Warum brummen wir uns so viel auf? Und warum können wir nicht loslassen – das Selbstverständnis, das perfekte Bild, die Ansprüche und die Aufgaben. Einfach mal Aufgaben delegieren und im Zweifel streichen. Im Zweifel backt die Veedels-Konditorei um die Ecke viel viel bessere Nussecken als du. Und der handgestrickte Schal aus dem inhabergeführten Kinderladen in der Nachbarschaft sieht sicher besser aus als dein Strickversuch und unterstützt das Nachbarschaftsverhältnis. Buy local. Und die eigene Mutter freut sich ganz sicher, wenn du sie um Hilfe bittest, denn es gibt ihr das Gefühl, dass du sie brauchst und sie dir helfen kann. Lass dir die Wocheneinkäufe doch einfach mal nach Hause liefern. Egal ob vom Supermarkt um die Ecke oder von kleinen regionalen Anbietern, Lieferservices gibt es immer mehr und du sparst dir die Fahrt, unnötiges Schlangestehen und schleppen.

Und was am meisten gegen den hausgemachten Stress hilft, hab ich letztens gelesen: Ein Partner für den „auf die Kinder aufpassen“ eine Selbstverständlichkeit ist und der „im Haushalt hilft“, weil er es als seine Pflicht ansieht. So wie wir. Keine Lobeshymne nach einmal Müll runterbringen. Mein Ausgleich für das eine Mal auf die Kinder aufpassen, während man das erste Mal seit 19 Monaten wieder beim Frisör saß. Das schraubt den Stresslevel zu Hause schnell runter und entspannt…gedankenverloren 23 Mama Kolumne

Denn Stress macht krank. Das wissen wir ja wohl alle. Und diese Krankheit hat jetzt sogar einen Namen. Letztens erst gelesen. Überhöhter Stress im Mamaalltag: Rushing Woman Syndrom“ – sehr bildlich. Aber ich seh’s genau vor Augen. Man hetzt von einer Alltagsaufgabe zur nächsten. Unwichtige Dinge, die kein Lob einheimsen, ohne die die Welt und der Alltag und die Familie aber nicht funktionieren würde. Wie die Nebenkostenabrechnung nachzahlen, Butter und Milch einkaufen und dem Kind rechtzeitig Winterstiefel bestellen. Dr. Libby Weaver beschriebt das ‚Rushing Woman Syndrom‘ als die Auswirkung von ständiger Hektik und Dauerstress auf den Körper und die Psyche der Frau. Dabei ist es völlig egal, ob der Stress real oder nur ‚gefühlt‘ ist.

Heutzutage sind Mütter immer in Eile, entschuldigen sich fürs Zuspätkommen und haben immer mehr Aufgaben zu erledigen, die sie sich selbst auferlegen und merken nicht, wann es reicht. Wir Mütter gönnen uns keine Ruhepausen – und wenn doch, haben wir ein schlechtes Gewissen oder sind eh viel zu unruhig, um die Ruhe zu genießen. Da Mütter wegen des Dauerstresses ständig unter Adrenalin stehen, ist unser Schlaf weniger erholsam. Das Verlangen nach Zucker und Heißhunger wächst. Gewichtsprobleme sind die folge oder einfach Erschöpfung, Abgeschlagenheit, Verdauungsstörungen und Schilddrüsenerkrankungen. So wie bei den meisten psychischen Erkrankungen.

Ob wir dafür unbedingt ein Buch brauchten und einen neuen Krankheitsbegriff – kein Ahnung. Was aber stimmt ist die Erkenntnis, dass durch die vielen Chancen, die wir Frauen heutzutage in beruflicher Hinsicht haben, die klassischen Aufgaben einer Hausfrau nicht entsprechend gesunken sind oder von jemand anderen übernommen werden. Arbeit und Haushalt. Job und Kind. Unter Doppelbelastung im Dauereinsatz. Dr. Libby Weaver berichtet in ihrem Buch, dass bei Paaren, die beide Vollzeit arbeiten und ein Kind haben, die Frau doppelt so viel Hausarbeit erledigt und sich dreimal so viel um das Kind kümmert. Da kann man doch nur untergehen. Das funktioniert doch rein rechnerisch schon nicht. Mehr als 100% geht eben nicht.

Wenn man Prozessoptimierer fragen würde, sie würden sagen, dass wir uns die Zeit nur nicht richtig einteilen. Papierkorb-Aufgabe: Wichtigkeit und Dringlichkeit. Das stimmt. Und ich kann ihnen auch sagen warum, diesen superschlauen, meist männlichen Optimierern: Die Kategorien verschwimmen mit Kind. Mit Kind steht nämlich die ganze Welt 13 Mal Kopf – und das an nur einem Tag. Da wird also dreizehn Mal der Papierkorbinhalt wieder über unserem Kopf ausgeschüttet und wir stehen auch noch da und halten die Hände auf um alles aufzufangen. Und dann können wir wieder von vorne anfangen. Wie beim Krümelauffegen unterm Kinderstuhl im Wohnzimmer… Lasst es. Legt euch hin. Gebt auf – und gebt nach – denn das zeugt von Stärke. Die eigenen Grenzen kennen, sich in Entspannung üben und Krümel Krümel sein lassen.

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