Titelbild gedankenverloren Kolumne 22 Supermama

Kolumne #22 || Supermama – Eine für Alle

Warum machen wir uns eigentlich so verrückt? Oder machen wir das überhaupt? Oder sind es die anderen? Haben wir oder die anderen zu hohe Ansprüche an uns selbst? Oder stellen wir uns einfach alle an? Super-Mama – Eine für Alle.

Frühsport machen, weil das hat man ja schließlich auch vor dem Kind getan und man möchte auf keinen Fall nachgesagt bekommen, dass man sich nach der Geburt hat gehen lassen. Immer frisch kochen, ausgewogen, bio und auch mal neue Rezepte ausprobieren, dabei natürlich immer Kind in die Kita bringen, ins Büro fahren, zwischenzeitlich wertvolle Lebenszeit im Stau verlieren, bei der Arbeit funktionieren und abliefern und auch noch ein bisschen mehr als 120% geben, damit dir niemand unterstellen kann, du kriegst das nicht hin und bist überfordert. Die letzten Calls noch aus dem Auto führen, gedanklich den Aktenberg vom Schreibtisch mit nach Hause nehmen (und es manchmal tatsächlich auch tun!), im Stau sich völlig nervöse die Haare raufen und die Fingernägel ins Lederlenkrad krallen, weil die Kita gleich schließt und du noch einige Kilometer vor dir hast. Tick-tack, tick-tack. Und dann kommst du völlig abgehetzt in der Kita an, grade pünktlich um dein Kind noch in Empfang zu nehmen, bevor die Tore geschlossen werden. Den vorwurfsvollen Blick der Tagesmama versuchst du zu ignorieren. Das Geschrei deines Kindes von der Rückbank auch. Du bist genervt, müde, gestresst. Und einfach nur müde… Und in der Beschallung des Kindergeschreis fragst du dich ob du überhaupt nochmal jemandem gerecht wirst in diesem Lebensentwurf. Deinem Kind nicht. Deinem Mann nicht. Den Kollegen nicht. Dem Chef nicht. Den Freunden nicht. Und dir schon gar nicht.

Solche Tage kennt jede Mutter. Aber warum ist das so? Stelen Mütter zu hohe Anforderungen an sich? Wird tatsächlich so viel von ihnen erwartet, wie sie glauben?

eine für alle - gedankenverloren Kolumne 22 SupermamaFür ein Novemberwochenende plane ich ein Wellnesswochenende mit meinem Mann. Denn der fühlt sich von Zeit zu Zeit auch ziemlich hintenan gestellt und sieht mich entweder nur durch die Wohnung flitzen, ein Handgriff nach dem nächsten tun, oder völlig ausgeknockt, schnarchend auf der Couch noch bevor die Tagesschau endet. So kann es ja nicht weiter gehen. Also ist es an der Zeit, sich mal wieder reine Auszeit zu nehmen. Als Paar. Zu Zweit. Wellness kommt mir da gerade recht. Also muss ich für das Wochenende einen Babysitter organisieren. Mal die Oma fragen. Erreich ich grade nicht. Dann eine Whatts app hinterher. Noch bevor ich diese abschicken kann, klingelt es an der Tür. Paketpost. Was hab ich denn bestellt? Egal. Was wollte ich noch gleich. Ach, die Whatts app. Aber wo ist denn jetzt mein Handy? Der Paketbote kommt und bringt ein Päckchen für die Nachbarn. Die sind nämlich nicht da. Voll berufstätig, keine Kinder. Ich nehme das Paket in Empfang und stelle es erst einmal in den Flur neben die Kommode. Oh Gott, wie sieht’s hier denn aus? Ein Chaos aus ungeöffneter Post (deren Inhalt ich nur erahnt und damit als erledigt betrachtet hatte), Einkaufszetteln (die noch nicht ins Haushaltsbuch eingetragen sind), Kleingeld (das ich in Julius Hosentaschen gefunden habe, als ich die Wäsche machen wollte), Brötchenreste von Clara von heute Morgen (als wir mal wieder viel zu spät und sturzartig aus dem Haus gestürmt sind). Erst einmal alles wegräumen. Ok, zumindest auf thematischen Stapeln ordnen. Die Wäsche. Guter Punkt.

Die Schmutzwäsche türmt sich, gleich neben der gewaschenen Wäsche, die noch niemand zusammengelegt oder aufgebügelt hat. Ich sortiere erst einmal den Stapel nach Farben und schalte die erste Maschine an. Mist, Weichspüler zu der Sportkleidung gegeben! Mist! Die restlichen Farbhaufen lasse ich frustriert hinter mir und nehme den Berg voll gewaschener Wäsche mit ins Wohnzimmer. Dann kann ich zumindest schon mal die zusammenlegen. Am besten auf dem Tisch. Den muss ich aber erst abwischen, weil hier ebenso alles vollgekrümelt und gekleckert ist. Bleibt mit Kind nicht aus. Also stelle ich den Wäscheberg ab und hole Reinigungstücher. Ich wische den Tisch ab und muss an meinen Schreibtisch denken. Plötzlich wird mir heiß und kalt und eine leichte Panik steigt in mir hoch. Die Stapel an Unterlagen die bearbeitet werden müssen flattern durch meinen leeren Schädel. Ich schnappe mir meinen Laptop und öffne mein E-Mailprogramm. Updating your Inbox… Es rödelt und rödelt. Eine E-Mail nach der anderen blinkt auf. E-Mails die bearbeitet werden wollen, oder zumindest beantwortet oder zumindest gelesen werden wollen. Ich klappe den Laptop wieder zu. Das Handy klingelt. Wo war das denn jetzt noch gleich?  Mein Mann. Mittagspause. Und Schatz, was machst du grade? Ich gucke mich um, sehe den Wäscheberg im Wohnzimmer, den zur Hälfte gewischten Tisch, die sinnfreie Stapelung auf der Kommode und die bunten Wäscheberge im Badezimmer. Was sag ich jetzt? „Keine Ahnung.“ „Wie, keine Ahnung..?“ „Ach, ich weiß nicht. Jetzt setz mich doch nicht auch noch unter Druck…“ Ich könnte schlagartig anfangen zu heulen. Mach ich aber nicht. Ich bin zu müde. Wir streiten uns. Wir legen auf. Ich setze mich einfach genau auf den Fleck, auf dem ich gerade stehe. Das ist der Türrahmen zwischen Wohnzimmer und Flur. Und schließe für einen Moment die Augen. Mein Handy klingelt wieder. Die Tagesmama. Clara hat Fieber und muss abgeholt werden.

Ich seufze einmal tief, schnappe mir meine Jacke und verlasse die Wohnung. Ich hoffe, es ist alles ausgeschaltet. Mit einem kranken, aber nicht ruhen wollenden Kleinkind komme ich nach 25 Minuten wieder zurück. Zum Glück nichts angelassen. Außer das Radio in der Küche – was soll’s. Wie bespaße ich jetzt also ein 19 Monate altes krankes Kind. Manchmal wünschte ich, Clara hätte dann wenigstens so hohes Fieber, dass sie nichts machen wollte als auf der Couch liegen, in eine Kuscheldecke gepackt und Benjamin Blümchen Kassetten hören. Das hab ich doch früher auch immer gemacht. Ich erinnre mich genau. (Glaube ich zumindest…) Sie hingegen ist das blühende Leben, tobt herum und will abwechselnd malen, lesen und puzzeln. Für die nächsten 3 Stunden verabschiede ich mich von meinen Tagesaufgaben, vom Alltag und von mir. Jetzt bin ich für Clara da. Sie fordert uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Und die bekommt sie. Immer. Denn sie ist – egal wie anstrengend, kräftezehrend und frustrierend manche Tage sein mögen – das Beste was mir je passiert ist und mein größtes Glück! Stunden vergehen… Und als es dann endlich draußen dunkel wird und keine Geräusche mehr aus dem Kinderzimmer kommen, beginnt auch endlich mein Feierabend…. HA-HA-HA!! Dreimal laut gelacht!! …?!

gedankenverloren Kolumne 22 Supermama ArtikelbildIch beginne da, wo ich heute Vormittag aufgehört habe. Zumindest müsste ich das. Ich muss immer noch meine Mutter fragen , ob sie auf Clara aufpassen kann, wenn ich mit Julius zum Wellness fahre. Ich muss immer noch ein geeignetes Wellnesshotel raussuchen und ein Zimmer reservieren. Ich muss immer noch die drei farblich geordneten Wäscheberge waschen. Die fertige Wäsche in den Trockner umpacken und die getrocknete Wäsche zusammenfalten, aufbügeln und in die Schränke räumen. Den gewaschenen  Wäscheberg im Wohnzimmer noch nicht mitgezählt. Ich muss immer noch den Tisch wischen und die Krümel und Essensreste unterm Tisch zusammenkehren. Ich muss immer noch die Massen an E-Mail beantworten oder zumindest lesen. Ich muss dringend mal wieder meine Freundinnen anrufen und sie einladen, oder zumindest mal ihre seit Tagen ungelesenen Whatts app beantworten oder zumindest lesen. Ich müsste eigentlich auch noch so einige Artikel schrieben über Themen die mir am Herzen liegen. Und das sind nur die Sachen, die mir ohne auf meine To-Do-Liste zu gucken, einfallen. Denn wenn ich da drauf gucke, dann bin ich bis weit über Weihnachten hinaus beschäftigt. Vollzeit. …Aber ich bin zu müde. Ich sinke völlig geschafft auf die Couch inmitten von Wäsche, Krümeln und Puzzleteilen. Bitte lass das Privatfernsehen heute etwas richtig sinnbefreites zeigen. Es ist Mittwoch. Auf WDR kommt ‚Der Haushalts-Check‘ mit Yvonne Willicks. Das Sendeprogramm der Privaten war unterirdisch. Von mir aus. Dann Marktcheck. Heute vollautomatische Küchenmaschinen im Test. Von mir aus. Vielleicht lohnt sich das ja. Je nachdem wieviel Zeit ich damit gewinnen kann. Wahrscheinlich sind Thermomix & Co. nur wegen dieses einen Verkaufsarguments so umsatzstark. Wir schenken dir Zeit! A-ha.

Ich glaube es. Bin zu müde um nachzudenken. Ich rufe Julius an. An seiner Stimme merke ich, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Ach ja, wir hatten uns ja gestritten… Vergessen. Zu müde. Ich entschuldige mich. Ich verrate ihm, dass ich ihn mit einem Wellnesswochenende überraschen werde. Einzige Bedingung: Er sucht nach einem geeigneten Hotel, wählt das Zimmer aus und organisiert meine Mutter für das Wochenende, um auf Clara aufzupassen. Ich zahle. Koste es, was es wolle.

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