Kolumne 21 Gedankenverloren Freitag

Kolumne #21 || FREItag. Meine neue Freiheit.

Was liebe ich diese Freitage. Nicht nur, dass sie offiziell das Wochenende einläuten. Der fast feierliche Hauch der sie umgibt. Die gute Laune, die aus jeder Ecke kriecht. Freitage sollten schon frei sein. Warum sonst, heißen sie eigentlich so…?

Und seit dem letzten Monat sind diese Freitage noch einmal ein ganzes Stück in ihrer Beliebtheit gestiegen. Zumindest auf meiner Skala. Denn seit August geht Clara jetzt auch freitags zur Tagesmama. Der Mann ist arbeiten. Das heißt: Mama allein zu Haus. Und ich kann euch verraten, das erste Mal habe ich gebührend zelebriert. Ich habe mir in der Tat das Radio in der Küche auf volle Lautstärke gedreht, im Radio lief The Chainsmokers feat. Coldplay mit ‚Something just like this‘ und ich bin durch die Küche gehüpft und habe mit dem Kopf gewackelt während ich genüsslich mein Schokocroissant verputzt habe. Feierlich hineingebissen, im Stehen, ohne Teller und die vielen kleinen Blätterteigkrümel fielen einfach so auf die Küchenfliesen. Wenig vorbildlich – aber egal. Es ist ja niemand da. Niemand der wegen der Krümel auf dem Boden die Stirn runzelt. Niemand der sich das Krümelchaos und das ‚How to…‘ ansehen und abspeichern und nachmachen kann… Nur ich. Ich und mein Croissant und die Musik in meinem Kopf und – danke!! – die Sonnenstrahlen, die durchs Küchenfenster fallen. Hello, happy day!

Es mag den Anschein haben, dass ich viel lieber alleine bin als mit meiner Familie zusammen. Das trügt. Das ist natürlich Quatsch. #lovemyfamily Familie kommt immer an erster Stelle. Selbstverständlich. Aber diese neue Freiheit, freitags von 9 – 15 Uhr, die ist großartig. Nach 13 Monaten nur Mamasein und nach 17 Monaten Mama, Hausfrau und Working Mom sein, tun diese 6 Stunden am Tag so unbeschreiblich gut. Ich habe mich im Vorfeld auf den ersten Freitag dieser Reihe so sehr gefreut wie auf Geburtstag, Weihnachten und Karneval zusammen. Und es gab auch Geschenke für mich – von mir, viele viele Kekse und vielleicht auch ein bisschen Glitzer und Lametta – zumindest in meinem Kopf. Und auf jeden Fall viel Gejubel und Gejauchze und eine imaginäre ‚ruude Pappnas‘. Jede Jeck is anders.Kolumne 21 Gedankenverloren Freitag. mit Luftballons

Nach der ersten Euphorie und Tanzmarieaufführung in der Küche, konnte ich mich gar nicht entscheiden, was ich als erstes mit den vielen freien Stunden anfangen sollte.

Die Wohnung mal richtig auf Vordermann bringen. Saugen, Putzen, wischen – auch die Schranktüren und Fenster.

Mit einer Tasse Tee gemütlich auf der Couch lümmeln und den Stapel bunter Zeitschriften und Magazine durchblättern, mich inspirieren lassen, mich amüsieren und wundern.

Ein Vollkornbrot backen. Mir in der Zwischenzeit ein leckeres Müsli mit Obst kredenzen und danach in Ruhe eine dicke Scheibe ofenwarmes Brot mit Butter und Pindakaas (für alle Nicht-Holländer: Erdnussbutter) naschen.

Alle Fotos aus den letzten Monaten sichten, sortieren, betiteln und archivieren.

Meinen Körper mal wieder ausgiebig baden, ölen, cremen – und meine Seele gleich mit. Entspannt in viel zu viel Badeschaum liegen und die Augen schließen und einmal tief durchatmen. Alle Nägel, die ich habe mal wieder feilen, pflegen und lackieren.

Alleine am Rhein laufen gehen. So weit wie meine Füße mich tragen. Eins sein mit mir und dem Asphalt und dem monotonen Schritten, die automatisch ihre Kilometer abspulen während meine Gedanken abdriften und mit mir irgendwo anders sind, aber nicht mit meinem Körper am Rhein.

Ich entschied mich dafür einfach per Zufallsprinzip irgendwo anzufangen. Und witziger Weise dachte ich als erstes an meinen Kleiderschrank, den ich unbedingt mal ausmisten wollte. Gemacht getan. Musik über die verstaubte Bose Soundbox – es gibt Hi-Fi Geräte, die man mit Kleinkind einfach nicht mehr anschalten darf – noch lauter gedreht und da stand ich nun vor meinem proppe-vollen Kleiderschrank mit all diesen Teilen, die irgendwie doch alle eine Geschichte erzählen. Ja, ich weiß, Aufräum-Psychologen raten all die Kleidungsstücke wegzuwerfen, die man seit 1 Jahr nicht mehr getragen hatte. Ok, das waren so einige. Ich kämpfte mich durch Glitzerfäden, bunte Knopfleisten, ausgefranzte Ärmel, Cut-Outs und Teile, die nur in Kombination mit dem bestimmten einen Teil und dann zu dem einen besonderen Stimmung getragen werden konnten, aber dann unglaublich gut aussahen. Phuuu… Schwierig. Ich runzelte die Stirn, grinste breit und schloss die Schranktüren schnell wieder. Aus den Spiegeltüren grinste mich glücklich und spitzbübisch mein Ich an und wir dachten so bei uns: „Das nächste Mal vielleicht. Wir fangen erstmal woanders an.“ Das Gute an neu gewonnener, freier Zeit ist, dass sie mir als Mutter endlos vorkommt. 6 Stunden ohne Kind fühlen sich an wie eine halbe Ewigkeit. Wisst ihr, was man in 6 Stunden alles schaffen kann, wenn man sich konzentriert, sich wieder mit dieser Multitasking-Methode organisiert und etwas nicht nur anfangen, sondern auch zu Ende bringen kann? Wahnsinnig viel. 10:13 Uhr: Ich nehme den Staubsauger aus dem Schrank und sauge in Windeseile einmal durch die Bude. Danach wische ich feucht drüber. Während die Böden trocknen, sitze ich draußen auf der Terrasse und trinke eine Tasse Tee – die ich mir vor dem Wischen schon angesetzt hatte – aus meiner Lieblingstasse und blinzle gegen die Sonne. Nach der Tasse Tee ist alles getrocknet und glänzt und riecht nicht mehr nach Teilzeit-Haushalt mit Kleinkind und man sieht nichts mehr von dem Krümelchaos. Ein Blick auf die Uhr: 11:44 Uhr. Wahnsinn. Noch nicht mal Mittag!  Die Zeit scheint rückwärts zu laufen. Oder ich nur so schnell, dass ich sie zu überholen scheine. Immer noch, Wahnsinn!Gedankenverloren Kolumne 21 - am Freitag auf der Couch

Ok, was jetzt. Ich denke an Clara. Was sie wohl jetzt macht. Ein Tag mehr Arbeit. Ein Tag weniger Mama. Ob sie das bemerkt? Wahrscheinlich nicht. Sie hat sich heute Morgen genauso gefreut zu Stephie zu gehen wie gestern und die Tage davor. Sorgen machen, muss ich mir also nicht. Aber trotzdem denke ich an mein kleines Mädchen. Auch an meinem freien Tag.

Nach 13 Monaten Mama und 4 Monaten Mama in Teilzeit weiß man ‚Zeit‘ viel mehr zu schätzen. Zeit ist relativ – das wissen wir ja schon. Aber das wird mir jetzt nochmal bewusst. 1 Stunde fühlt sich viel länger an als noch letzten Freitag. In einer Stunde kann ich jetzt so viel schaffen, so viel erledigen. Das ist ja sowieso der Mütter größtes Hobby: ‚Dinge erledigen‘. Egal was. In diese Kategorie fällt alles. Alles was nichts mit dem eigenen Wohlbefinden zu tun hat. Nichts für mich selbst. Sondern meist etwas für die Wohnung, in der Wohnung, für das Kind, für den Mann, mit dem Kind. Einkaufen, putzen, aufräumen, kochen, ‚irgendwo hin fahren irgendetwas besorgen‘ fällt übrigens in die gleiche Kategorie. Und alles dauert ewig. Jetzt mit meinen neu gewonnenen 6 Stunden habe ich bis zum Mittag einen Task von der ‚To-Do Lite‘ auf die ‚Was-soll’s Liste‘ geschrieben, die Wohnung zum Glänzen gebracht, in Ruhe einen Tee getrunken und die Augen geschlossen, eine seitenlange Beschwerdeemail an den Kundenservice eines Online-Shops geschickt, ein schweißtreibendes Workout absolviert und danach meiner Seele eine entspannende Auszeit in der Wanne gegönnt und danach meinen Körper, Haut, Haare und Nägel zum Glänzen gebracht. Ein ganz gutes Fazit wie ich finde. Uhrzeit jetzt: 14:37. Fantastisch!

Dieser erste FREItag war ein voller Erfolg. So produktiv, wie die letzten drei Wochentage zusammen. Ich habe sogar Zeit der dicken, fetten Fliege zuzusehen, wie sie durch unser Wohnzimmer schwirrt, immer und immer wieder an meiner Nase vorbei und gegen die Fensterscheibe. Und ich versuche herauszufinden, ob sie wirklich im Zick-Zack fliegt. Das habe ich nämlich gelesen. In einer dieser Zeitschriften. In der Kategorie: Unnützes Wissen. Selbst dafür hatte ich heute Zeit.

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