Gedankenverloren 14 - die erste Übernachtung bei Oma und Opa

Kolumne #14 || Die erste Übernachtung oder: Pyjamaparty bei Oma & Opa

Es ist ganz ruhig. Ich höre die Vögel zwitschern, im Hintergrund raucht eine Straßenbahn vorbei und im Hinterhof bellt der Nachbarshund. Ich kann sogar die Blätter der Bäume im Wind rascheln hören. Auch mit geschlossenen Augen weiß ich ganz genau, es ist schon morgens. Es dürfte aufgrund des Lichteinfalls und der Geräusche zwischen 10 Uhr und 11 Uhr sein. Kurz mal in mich reingehorcht: Katerstimmung, nein. Ausgeschlafen. Richtig fit. Der Wein, Sambuca und der letzte Gin Tonic von gestern Abend scheinen vollständig umgesetzt und verstoffwechselt zu sein. Ein ganz neues Gefühl. Ausgeschlafen. Sich langsam im Bett räkeln und strecken und biegen und nochmal einkuscheln. Schöner ruhiger Morgen… Aber es ist eine romantisch bedrückende Stimmung, wie in einem irischen Drama, wenn die schroffen Windböen über die satt-grünen Wiesen pfeifen… Schön, aber irgendwie auch melancholisch. Woher dieses Gefühl kommt?

Clara ist nicht da. Clara hat gestern Nacht das erste Mal bei den Großeltern geschlafen. 24 Stunden haben wir unseren kleinen Mini-Menschen jetzt schon nicht mehr gesehen. Ein seltsames Gefühl. Wundervoll, weil wir das erste Mal seit 15 Monaten mal wieder so richtig ausgeschlafen sind und den Morgen in völliger Ruhe begonnen haben. Ohne Bilderbücher im Bett, ohne Claras dicken Zeh im Auge, ohne dass sie mich aus dem Bett komplimentiert, um ihr ein Käsebrot zu machen. Schon schön.

In Ruhe im Bett nochmal den Abend Revue passieren lassen. Ein bisschen erzählen. Von der letzten Zeit. Von den Gedanken, die wir im Alltag so haben und die wir dann aber nach Feierabend im Eifer des Gefechts vergessen miteinander zu teilen. Weil wir beide völlig erledigt rücklings ins Bett fallen und morgen viel zu viel Hektik ist, um sich an diese Gedanken wieder zu erinnern. Aus später wird so oft nie. Und deswegen ist genau jetzt der Moment um an die Decke zu gucken oder aus dem Fenster oder in die stahlblauen Augen, die neben mir auf dem Kopfkissen liegen und die Gedanken heraussprudeln zu lassen. All das, was mir gerade einfällt.

Gedankenverloren 14 - die erste Nacht weg Ein blöder Witz, oder die Frage, wie man erfolgreich ein Team führt, wie die Geburtstagstorte geschmeckt hat, mit welchen Tricks es die von mir handgeschriebene Geburtstagskarte neben Julius Geburtstagskuchen auf seinem Hotelzimmer geschafft hat (das bleibt mein Geheimnis 😉 ), was wir an der Ostsee unternehmen können und zusammen hoffen, dass das Wetter schön wird und die Sonne scheint. Überhaupt mal wieder zu überlegen, ob wir nicht doch für eine Zeit lang irgendwo anders hätten leben sollen, weil die Sonne öfter schient und der Steuersatz niedriger ist. Und überhaupt wie sich alle Herrgotts Leute plötzlich ein Eigenheim leisten können. Und das bei all den Abzügen in Deutschland…Da merkt man von der Gehaltserhöhung nach Abzügen nicht mehr viel. Über Ansprüche und Abstricht beim Hauskauf sprechen. Und darüber wie es war im Haus oder in einer Wohnung aufzuwachsen – und was ein Kind eigentlich braucht, um glücklich zu sein. All diese Gedanken, die man sonst so beim Spülmaschineausräumen hat. Oder beim Joggen, oder beim Duschen oder wenn man beim Bäcker in der Schlange steht.

Nachdem wir über tausendundeinen Gedanken gesprochen und Julius mir mal wieder meinen Lieblingswitz erzählt hat, ist es bereits 12 Uhr. Verrückt. Aufstehen wäre jetzt Mal angebracht. Und bei den ersten Schritten übers Parket in die Küche, ist sie wieder da. Diese Melancholie. Die Sehnsucht nach den kleinen tapsigen Schritten, die über den Boden patschen. Dem freudigen Gequietsche über jeden Meter Richtung Küche. Über die eifrige Kletteraktion in den Kinderstuhl in freudiger Erwartung auf das morgendliche Käsebrot.

Clara könnte jetzt mal so langsam wieder kommen. Lieber jetzt als gleich. Es reicht vorerst. Die Eltern möchten aus der Erwachsenenwelt wieder abgeholt werden. Kind, komm. Julius kann es kaum erwarten, dass sie endlich wieder kommt. Dass Oma und Opa klingeln und Clara wieder zur Türe hereinstapft. Eigentlich hat er sie schon vermisst seitdem wir uns von den Großeltern verabschiedet und vom Hof gefahren sind. So ist das wohl. Wir sind jetzt Eltern und das kleine Wunder, was wir da in unserem Leben haben, ist der wichtigste Mensch auf Erden. Und unsere Familie nicht komplett ohne diesen kleinen Menschen. Deswegen ist die Ruhe am Morgen eher bedrückend als ermunternd. Etwas fehlt. Clara fehlt.

Auch wenn wir gestern einen wunderschönen Abend hatten. Wir waren das erste Mal wieder so richtig zusammen aus. Mit Freunden. Spontan. Flexibel. Einfach den Tag und Abend auf uns zukommen lassen. Es wurde in Ruhe geredet, Geschichten erzählt und wir haben bei gutem Essen und noch besserem Wein in Erinnerungen geschwelgt. Es war mal wieder Zeit für Gespräche, richtige Gespräche. Bei denen man die Zeit vergisst und alles um einen herum. Wir haben gelacht und geweint. Vor Glück, vor Emotionen. Auf die Freundschaft. Auf das Leben. Denn es gibt neben dem neuen Leben, das wir jetzt als Familie haben, noch das „alte“. Uns als Freunde mit Freunden. Und das zu spüren war sehr schön. Dass neben dem Familienleben die richtig guten und richtigen Freunde bleiben. Sich Freundschaften verändern und wachsen und sich wieder verändern – aber das am Ende alles bleibt wie vorher – nur anders. 🙂

Two worlds become one.

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