Gedankenverloren Kolumne 1

Kolumne #1 || Eine Hommage an unsere Männer

„Ihr habt es so gut mit euren Männern. Ihr könnt euch glücklich schätzen.“ Ganz unverblümt und überraschend ehrlich platzte es plötzlich aus ihr heraus. Und ich wusste nicht genau… Hatte ich mich verhört? Hatte sie das wirklich gemeint? Ich stehe halbnackt in der Anprobe einer Schneiderei in Hoi An, Vietnam, und Thanh, die Chefin, spricht sich plötzlich ihren Kummer von der Seele. Automatisch habe ich das Bedürfnis mir meine Klamotten wieder anzuziehen und uns vom Rest der Kundschaft und Mitarbeiterinnen abzuschirmen. Als dürfte uns niemand hören. Als hätte diese Unterhaltung eine unsichtbare Grenze überschritten und würde jetzt die höchste Sicherheitsstufe haben. Aber sie spricht ganz offen und laut und ehrlich.

Thanh ist 30, Mutter von zwei Töchtern (2/ 4 Jahre) und besitzt ihrer eigenen Schneiderei in Hoi An. Sie beschäftigt mehrere Schneiderinnen, beauftragt und betreut mehrere Zwischenhändler und koordiniert jeden Kundenauftrag bis hin zur Verschiffung nach Europa. Sie ist liebenswert, ehrlich und total fanat in Clara. Sie ist unsere Schneiderin und so kommt es, dass wir von drei vollen Tagen in Hoi An an drei Tagen jeweils für ein paar Stunden in ihrem Laden verbringen – mit Anprobe und Anpassung.

Und so stehen wir am dritten Tag also zusammen in der Anprobe und sie schüttet mir ihr Herz aus, während sie mir den Saum meiner Bluse absteckt. Sie fällt gleich mit der Tür ins Haus. Frei übersetzt sagte sie: „… Vietnamesische Männer sind dumm. Ok…, vielleicht nicht direkt dumm, aber bei weitem nicht so intelligent wie die Vietnamesischen Frauen. Die Frauen machen die ganze Arbeit. Die Frauen haben einen guten Job und arbeiten 12 – 14 Stunden am Tag, um die Familie zu ernähren. Wenn du Glück hast, dann hat dein Mann zumindest einen Job, der ihn beschäftigt – in einer Werkstatt oder als Fahrer. Das bringt nicht viel Geld, aber er macht zumindest etwas. Wenn du Pech hast, dann hat er keinen Job, will auch keinen Job, und sitzt schon morgens mit Gleichgesinnten in der Bar, trinkt, spielt um Geld, hat zu viel Interesse an anderen Frauen und ist faul. Frauen in Europa haben Glück. Da kümmern sich die Männer. …“ Wumms! Das saß. So viel Einblick in ihr Leben und die Realität der vietnamesischen Ehe hatte ich nicht erwartet. Und es stimmt. Ich kann mich glücklich schätzen, dass mein Mann an meiner Seite steht und kämpft, wenn es sein muss. Dass er trotz viel zu wenig Schlaf und viel zu viel Arbeit immer da ist. Dass er sich sorgt; uns umsorgt. Denn das alles ist nicht selbstverständlich. Und ich fange an, Thanh mit ganz anderen Augen zu sehen. Eine starke Frau, die gerade aufbricht.

Traditionell wird in Vietnam früh geheiratet. Und dann bekommt man Kinder – zwei, drei. So war es zumindest bei ihr. Bei der Erziehung hilft die eigene Mutter. So wachsen ihre beiden Töchter mehr bei den Großeltern auf, als bei ihr. Verständlich, wenn sie 12 Stunden in der Schneiderei steht. Das Leben ist schwer. Sie jammert nicht, sie erzählt. Manche Tage sind sehr schwer. Da fühlt sie sich schwach, allein, kraftlos – und dann wünscht sie sich eine starke Schulter zum Anlehnen zum Ausheulen zum Einfach-mal-ausatmen und Fallenlassen. Doch das haben viele vietnamesische Ehefrauen nicht. SIE sind die starke Schulter. Für die Familie, für die Kinder, im Job. Sie können sich keine Schwäche erlauben. Und der Mann ist oftmals kein Fels in der Brandung, sondern ein Fähnchen im Wind.

Sie spricht es nicht aus, doch ich verstehe sie. Ich sehe es in ihren Augen. Wortlos und zwischen den Zeilen beichtet sie. „Vietnamesische Männer sind wie Jungs – noch lange nach der Hochzeit führen sie sich auf wie Teenager. Trinken, feiern, bleiben auch mal über Nacht weg. Eine vietnamesische Frau darf nicht zu viele Fragen stellen, die Antworten würden ihr nicht gefallen. Und die größte Stärke, die eine Frau haben kann, ist zu vergessen.“ Thanh sagt, wenn sie nicht vergessen könnte, dann wäre sie nie und nimmer sieben Jahre verheiratet. Jetzt… langsam… wird es besser und der ‚Junge‘ entwickelt sich zu einem ‚Mann‘.

Ich schlucke und mir wird ganz anders. Mit so einem Mann das Leben verbringen. Geht das…? So viel Ausdauer und Kraft finde ich bewundernswert. Denn nur allein die Hoffnung, dass aus dem Jungen eines Tages ein Mann wird, gibt ihr die Kraft um weiterzumachen – durchzuhalten. Eine Frau, die so stark wirkt und in diesem Moment so viel Schwäche und Verletzlichkeit zeigt.

Und ich erinnere‘ mich, wie oft ich in den ersten drei Monaten nach Claras Geburt müde war, erschöpft, verzweifelt und nervlich an einem seidendünnen Faden hing. Und wie sauer ich auf meinen Mann war, als er den ersten Tag wieder arbeiten ging. Wie allein ich mich gefühlt habe. Ich weiß, dass das Quatsch ist. Und das wusste ich auch damals schon. Aber es fühlte sich eben so an. Und manchmal habe ich ihm Freitagsabends sobald er in seinem Anzug zur Tür reinkam – den Rimowa Koffer noch in der Hand – Clara übergeben und mich in unser Bett und unter unsere Bettdecke verkrochen – vor der Welt, vorm Muttersein, vor Scham. Sobald sich die Hormone wieder beruhigt, die Gedanken wieder geordnet und die Müdigkeit der riesengroßen Liebe für diesen kleinen Menschen gewichen war, kam ich aus dem Schlafzimmer und entweder Clara schlief friedlich oder lag in ihrer Wippe und schaute meinem Mann zu. Und alles war wieder gut.

Das nicht zu haben. Diesen Fels, diesen Hafen, diese Gewissheit, dass da früher oder später jemand zur Tür herein kommt, der mir hilft, nicht zu haben, kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin glückliches Einzel- und Scheidungskind (die Patchwork-Familie funktioniert wunderbar.) und habe seitdem größten Respekt vor meiner Mutter, die mich – alleine – großgezogen hat. || Danke, Mama! ||

Nachdem ich Thanhs Geschichte kenne, nachdem Clara mittlerweile ihren ersten Geburtstag gefeiert hat und wir uns als Familie eingespielt haben, habe ich rückblickend Respekt vor uns als junger Familie, die ihre neuen Rollen im Familienalltag gefunden hat, vor Thanh, die ihren Alltag alleine meistern muss und neben Mutter und Ehefrau, vermutlich nicht mehr viel ‚Thanh‘ sein kann und vor meinem Mann, der nicht nur mit der neuen Rolle und den Belastungen als Vater, sondern auch mit der Belastung bei der Arbeit und der teilweise verstörten Ehefrau zu Hause klar gekommen ist. Eine Meisterleistung, wie ich finde! Ich habe mich ja manchmal selbst nicht verstanden…

Ich danke dir für deine Kraft und deine Beständigkeit. Du warst immer an meiner Seite – auch wenn du nicht so viel zu Hause warst, wie ich es mir gewünscht hätte. Deine Zuversicht gab mir Kraft und die Sicherheit, dass schon alles gut werden wird. Und das wurde es. Jetzt, genau ein Jahr später:
„Danke!“.

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